Auszug ab Seite 105:

Die Sage vom Wolgastsee.

Vor ungefähr 1000 Jahren soll hier eine weiße Prinzessin gewohnt haben. Das Mädchen soll das schönste Kind der Welt gewesen sein, weiß wie Schnee und Augen wie die Sterne am Himmel. Die Mutter der Prinzessin stammte aus Russland von der Wolga und war verheiratet mit einem schwedischen Königssohn, der ihr in der Mitte des Sees ein weißes Schloss erbaute (daher der Name weiße Prinzessin), um sie vor Überfällen zu schützen. Denn die Störtebekerschen Räuber, die auf dem Jordansee hausten, hatten auch hier bei Heringsdorf einen Unterschlupf. 17 Jahre hatten die beiden glücklich hier zusammen gelebt. Eines Tages fuhr nun das Königspaar mit seinem goldenen Kahn zur Swine hinein am Bollkanal entlang. Als sie an der Bollbrücke vorbeikamen, begegnete ihnen die wilde Jagd. Seitdem blieb das Königspaar verschwunden.
Die kleine Prinzessin wartete von Jahr zu Jahr auf die Rückkehr ihrer Eltern. Sie war damals im Alter von zwölf Jahren ein wunderschönes Kind (sie soll 115 Jahre alt geworden und im Herbst gestorben sein). Das Schloss ist dann in einer Johannisnacht versunken und zwar in der Mitte des Sees, aber jeden Ostermorgen, wenn die Sonne am Himmel tanzt und man über der tiefsten Stelle des Sees ist, sieht man das Schloss sich in der Tiefe spiegeln. - - -

Man sagt sogar, dass ein unterirdischer Gang unter dem See vorhanden war. An einem Landvorsprung hat eine Eiche von etwa 12 Metern Umfang gestanden, von der drei unterirdische Gänge liefen, deren einer zum Schloss führte. In dieser Eiche wohnte ein Zwerg, der die Prinzessin in jeder Weise beschützte. In der Richtung rechts von der Eiche, am Berge, sollen große schwedische Schätze gelagert haben, wieder weiter links ein großes Bernsteinlager, in welchem der Zwerg arbeitete. Man behauptet, dass die Bernsteinhexe vom Streckelberg Verbindung mit der Prinzessin hatte. Oft kam auch hier die wilde Jagd vorbei, konnte aber dem Zwerg nie etwas anhaben. Nach Jahren versuchten Corswandter und Ulrichshorster, den Schatz zu heben. Sie hatten alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, da fing es in der Eiche an zu klopfen, und als die Leute von ihrem Vorhaben nicht abgingen, kam der Zwerg. Seine Augen blitzten wie Feuer und sprühten Funken über die Ruhestörer, die schnellstens die Flucht ergriffen. Später soll noch einmal eine Räuberbande versucht haben, die Schätze zu heben; aber da kam die wilde Jagd und riss ihnen die Köpfe herunter, so dass allen bis auf den heutigen Tag der Mut vergangen ist, sich die unrechtmäßigen Schätze anzueignen.
Der Schatz lag wieder friedlich da, der See Schönheit über die sanft kräuselnden Wasser. Noch heute soll diese königlichen Blüten niemand abpflücken, wenn er nicht Todes sterben will; denn es wird gesagt, dass der Zwerg den Goldschatz in den See versenkt habe und dass die traumschönen Blüten der Wasserrosen die Schönheit des Schatzes ans Licht trügen. - - -

Ein kleines Mädchen von Corswandt fand einmal auf dem Wege, an dem jetzt das Wasserwerk liegt, viele vier- und fünfblättrige Kleeblätter, von denen sie sich die Taschen voll pflückte. Als sie nach Hause ging, setzte sie sich müde auf einen Stein und sah plötzlich an der Stelle, wo sie die Kleeblätter gepflückt hatte, ein großes, hell brennendes Feuer. Als sie nach Hause kam, erzählte sie dies ihrer Mutter, die mehr dahinter vermutete und sich einen Sack nahm und mit diesem und der Tochter zu der Stelle zurückeilte. Dort aber sah sie zu ihrem großen Schreck einen Zwerg mit einem langen Bart sitzen. Die Kleine nahm all ihren Mut zusammen und sagte: "Guten Tag, lieber Zwerg!" Dieser antwortete: "Schönen Dank, mein Kind! Komm, gib mir doch einmal den Sack, den deine Mutter mitgebracht hat." Das Kind gab ihm den Sack, und der Zwerg nieste dreimal hinein und sprach: "Wenn du vor Sonnenaufgang nicht sprichst, so wird in diesem Sack lauter Gold und Edelgestein sein. Geh nun und sei schweigsam!" Zu Hause angekommen, sagte aber das Kind zu der Mutter: "Gib mir den Sack!" Da schwoll der Sack mit einmal ganz dick an, sosehr, dass er platzte, und heraus spritzte die ganze Stube voll Wasser und in der Mitte saß ein Frosch, der quakte: "Wat hevt ji nich dat Mul holn! Wat hevt ji nich dat Mul holn! Nu ist ut, nu ist ut, ut, ut!" - - -
Das ist die Geschichte von dem niesenden Zwerg und von dem Verlust des Goldes und Geschmeides. -
Eine Perle unseres Waldes und unserer Heimat aber strahlt heute wie ehedem in alter Pracht und Schönheit und erfreut viele Augen und macht viele Herzen glücklich, das ist der herrliche Wolgastsee! -